Wer bin ich?
Vom Fragen, Verlieren und Finden
Anfang des Jahres bekam ich ein Buch geschenkt. Ein Buch, das im Moment sehr populär ist. Es steht ganz oben auf den Bestseller-Listen. Ob's alle lesen, die es besitzen? Keine Ahnung. Keine Ahnung hatte ich damals auch, wie bald mich die Themen des Buches umtreiben würden.
Das Buch heißt „Wer bin ich … und wenn ja, wie viele?“ Geschrieben hat es Richard David Precht, ein Philosoph und Publizist.
Sein Buch bekam im April dieses Jahres schlagartig Bedeutung für mich. Denn im April 2008 "verschwand" einer meiner ältesten Freunde. Einfach so. Am 13. April habe ich ihn zum letzten Mal getroffen, in Mainz, in der Uni-Klinik. Er hatte gerade eine sehr schwere OP hinter sich, war sehr dünn, aber schon wieder obenauf. Er freute sich über den Besuch und war voller Pläne. Lachend winkte er zum Abschied. Das war meine letzte Begegnung mit Matthias, der für mich immer nur „Tissio“ hieß. Das komische ist, dass mein Freund seitdem nicht im herkömmlichen Sinn „verschwunden“ ist.
Es gibt jemanden, der sieht aus wie er, der seinen Körper, sein Gesicht, seine Hände, seine Haare hat. Ja, der teilweise sogar wieder wie der „alte“ Matthias redet. Und trotzdem ist es nicht der Matthias, den ich seit fast 35 Jahren kenne.
Aber warum ist er es nicht? Wer ist das, der da vor mir sitzt? Wo ist der alte Matthias? Und was hat Matthias eigentlich zu Matthias gemacht? Das sind so die Fragen, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich den „neuen“ Matthias besuche. Und da kommt das Buch wieder ins Spiel.
Denn dieses Buch geht der Frage nach, was das „Ich“ eigentlich ist. Mal ehrlich, haben Sie darüber schon mal nachgedacht? Wahrscheinlich genauso wenig wie ich. Ich bin ja ich, ich habe ein „Selbst-Bewusstsein“, also was soll ich da groß drüber nachdenken? Nur – wenn Sie auf einmal mit einem Menschen zu tun haben, der dieses „Selbst-Bewusstsein“ eben nicht mehr hat, der kein Bewusstsein um sein „Sein“ hat, dann wackeln auf einmal ein paar scheinbar selbstverständliche Gewissheiten.
Was macht uns eigentlich zu dem Menschen, der wir glauben zu sein? Wie viel Selbst, wie viel Bewusstsein sind nötig, damit ich „Ich“ bin? Was ist Identität? Und wie ist es um den schlauen Spruch von Descartes bestellt „Ich denke, also bin ich?“ Was denkt der neue Matthias, was fühlt er, was ist noch drin in ihm von den fünfzig Jahren, die er gelebt hat, in welchen Gefilden ist sein Geist unterwegs?
Der englische Hirnforscher Oliver Sacks, der übrigens auch ein paar aufregende Bücher geschrieben hat (so auch: „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“) beschreibt Menschen mit Ich-Störungen als „Reisende, unterwegs in unvorstellbare Länder - Länder, von deren Existenz wir sonst nichts wüssten“. Das gefällt mir. Für mich ist der neue Matthias, so wie der alte Tissio, ein Reisender. Wir kennen die Welten nicht, in denen er unterwegs ist. Er kann uns bislang nicht von seinen Reisen erzählen und wir können ihn auch nicht begleiten – das tut weh.
Als Fremder ist er zurückgekommen in unsere Welt, fremd sind wir ihm und fremd ist er uns. Und doch bleibt er mein Freund. Vielleicht ein neuer Freund mit einer alten Geschichte. Und auf die Frage „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? könnte Matthias mit Sicherheit viele spannende Antworten geben.
Buch-Tipps:

Wer bin ich ... und wenn ja, wie viele?
Richard David Precht
Verlag Goldmann
ISBN: 978-3-442-31143

Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte
Der Tag an dem mein Bein fortging
Oliver Sacks
Verlag Rowohlt TB
ISBN: 9783499623400

Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
Vilaynur S. Ramachandran
Verlag Rowohlt TB
ISBN: 9783499619878
